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 •  Tierschutz im Ausland

               Sendung vom 19. November 2000
              
      Pro und Contra:

           

    Hunde aus dem Süden
    Von Cornelia Baumsteiger

    In der Sendung ServiceZeit Tiere suchen ein Zuhause werden immer wieder Hunde vorgestellt, die Tierschützer aus südlichen Urlaubsländern gerettet haben. Das erregt viel Mitleid und Zustimmung, aber auch heftige Kritik. Tierschutz kann nicht an Landesgrenzen aufhören, denn in vielen Urlaubsländern leiden Tiere entsetzlich, ist ein dafür sprechendes Argument. Wir haben in Deutschland genug arme Tiere und die Tiere aus dem Ausland schleppen Krankheiten und Seuchen ein sind die Gegenargumente.

    Das elende Leben und Sterben der Straßenhunde, die qualvolle Haltung von Kettenhunden ohne Schutz vor brennender Sonne im Sommer und kalter Nässe im Winter, das grausame Sterben in so genannten Tierheimen, in denen die Todesspritze direkt ins Herz noch eine Gnade ist, haben die Befürworter der Rettung ausländischer Hunde nach Deutschland und ihre Vermittlung in deutsche Haushalte motiviert.

    Viele deutsche Touristen bemerken das tierische Elend in nächster Nähe nicht einmal oder fühlen sich gestört. Sie erheben Anspruch auf wolkenfreien Urlaub und schließen in diesen Anspruch auch von Straßentieren befreite Hotelanlagen und Shoppingzentren ein. Diese Einstellung ist unzähligen Hunden und Katzen zum Verhängnis geworden, denn um ihre Kunden zufrieden zu stellen, lassen Gemeinden und Hotels die Tiere vergiften oder einfangen und in Tötungsstationen unterbringen, wo sie nach Ablauf einer kurzen Frist sterben müssen.

    Das wiederum hat Tierschützer auf den Plan gerufen. Da in den südlichen Urlaubsländern Tierschutz keine oder nur eine sehr geringe Rolle spielt, gibt es vor Ort selten organisierten Tierschutz von Einheimischen. So sind zahlreiche Projekte von Deutschen (oder auch Schweizern, Engländern etc.) initiiert worden, die in den jeweiligen Ländern leben und das Leid der Tiere nicht mehr ertragen konnten.

    Es wurde Land gekauft oder gepachtet, einfachste Tierheime gebaut, Pflegestellen gesucht, Kastrationsstationen eingerichtet und Futterplätze bestückt. Mit meist ganz wenig Geld, ständigen Anfeindungen aus der Bevölkerung und Schikanen durch Behörden ist diese Arbeit kraftzehrend und, von Misserfolgen begleitet, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Schnell sind die Tierheime oder Unterbringungsmöglichkeiten überfüllt, oft fehlt das Geld fürs Nötigste.

    Dann stehen engagierte Tierschützer trotz aller Mühe wieder am Anfang. In dieser Situation ist der Transport zumindest einiger Tiere nach Deutschland, wo sie sich in der Regel schnell vermitteln lassen, die einzige Hoffnung: für das Überleben der Herrenlosen und die Moral ihrer Retter. Denn im Land selbst ist Vermittlung der Tiere kaum möglich.

    Wenn Tierschützer in Spanien, Italien, Griechenland oder der Türkei Fund- und Straßentiere gesund pflegen, impfen, von Parasiten befreien und vielleicht sogar kastrieren und sie dann doch nicht retten können, weil es keine Unterbringung mehr gibt, sie trotz anderslautender Versprechen der Gemeinden eingefangen oder vergiftet werden, dann macht dies das Leben für die vielen engagierten Tierfreunde unerträglich. Silke Wrobel mit ihrer Arche Noah auf Kreta ist ein solches Beispiel.

    Gleichzeitig ist in Deutschland die Nachfrage nach lieben kleinen Familienhunden sehr groß. Sie kann nur durch Zucht befriedigt werden. Oder eben durch Importe ausländischer Hunde. Heike Schumacher, Leiterin des Tierheims Velbert: Wir sehen nicht ein, dass in Deutschland Hunde gezüchtet werden, und nur zwei Flugstunden von uns entfernt massenhaft liebe, freundliche Hunde getötet werden!

    Eine verbreitete Meinung unter Tierfreunden. So haben zahlreiche Tierheime oder Tierschutzvereine Partnerschaften mit Tierschutzprojekten im Ausland aufgebaut. Das Europäische Tierhilfswerk unterstützt Kooperationspartner in Südeuropa, auch der Deutsche Tierschutzbund fördert solche Vertragstierschutzvereine. Zusätzlich werden immer mehr Touristen vor Ort auf die Arbeit deutscher Tierschützer aufmerksam.

    Susann Michels und Antje Stockhaus kamen von ihrem ersten Urlaub auf Kreta sehr bedrückt von dem Tierelend zurück, das sie auf den Straßen sehen mussten. Sie hatten die Arche Noah von Silke Wrobel kennen gelernt und beschlossen, den nächsten Urlaub als Tierheim-Helfer zu verbringen. Sie brachten sich beide ein Hündchen aus dem Tierheim mit. Wie unsinnig wäre es, wenn sie die Tiere dort gelassen und sich ihren kleinen Hausgenossen bei einem deutschen Züchter bestellt hätten. Denn in hiesigen Tierheimen sind kleine Mischlinge kaum zu finden.

    Heike Schumacher nimmt immer, wenn die Kapazitäten ihres Tierheims das erlauben, Hunde aus Spanien auf und bewahrt sie so vor dem sicheren Tod. Aus langjähriger Erfahrung weiß sie, dass Hunde aus dem Süden in der Regel besonders anhängliche und soziale Tiere sind, die sich gut und schnell vermitteln lassen. Die schlechte Erfahrung mit Menschen vergessen sie bald und genießen jede Zuneigung. Das hat sich unter Interessenten herumgesprochen, und so kommen Besucher ins Tierheim, die gezielt nach solchen Tieren fragen.

    Hohe Besucherzahlen verbessern aber die Vermittlungschance für alle Hunde. So widerspricht Heike Schumacher dem Argument der Gegner von Importen. Sie fürchten um die Chancen für deutsche Hunde, sagen sie. Dieses Argument ist nur bedingt nachzuvollziehen und das auch nur, wenn es um große Hunde geht. Jedes Tierheim, jeder Tierschutzverein weiß, wie viele Interessenten nach kleinen Hunden suchen und keine finden. Diese Leute würden niemals einen Schäferhund, Rottweiler oder Dobermann zu sich nehmen. Andere suchen junge Hunde, auch Mangelware, es sei denn, man geht zum Züchter. Die große Überzahl von Hunden in deutschen Tierheimen sind große, ältere, schwierige.

    Nicht zuletzt ist ja die Sendung ServiceZeit Tiere suchen ein Zuhause dafür da, gerade für solche die richtigen Menschen zu finden. Das geht nicht, indem man den hübschen, jungen Ausländern die Einreise verbietet. Damit heizt man nur die Zucht und den Hundehandel an. Dies aber ist keine Garantie für einen gesunden Hundebestand. Im Gegenteil.

    Amtsveterinäre, die gegen das Verbringen von Hunden aus dem Süden wettern, weil diese Krankheiten einschleppten, kümmern sich wenig um schlechte Massenzuchten, so genannte Vermehrer, oder um Hundehändler aus Holland oder Osteuropa, die armselige, unter schlimmen Bedingungen gezüchtete Wesen billig auf den Markt werfen. Wo ist da die Gesundheitsvorsorge? Dabei geben sich die Mehrzahl der Tierschützer, die Hunde aus dem Süden retten, gerade in der Frage der Gesundheit viel Mühe: Impfen, Befreiung von Parasiten und Leishmaniose-Tests gehören zum Standard. Denn es geht um Tierschutz.

    Eine Schutzgebühr, die dann verlangt wird, was Veterinäre und auch Tierschützer als Handel verurteilen, deckt in der Regel nur einen Teil der entstandenen Kosten. Sie der Gewinnorientierung zu bezichtigen ist ein Schlag ins Gesicht all der Tierschützer, hier und besonders vor Ort, die ihre ganze Freizeit, viel eigenes Geld, viel Kraft und Kummer investieren.

    Tatsächlich ist es wichtig, den Gesundheitszustand der Tiere zu überprüfen, die nach Deutschland eingeführt werden. Tollwutimpfung und ein Alter von mindestens vier Wochen ist absolute Pflicht. Eine gültige Komplettimpfung sollte ebenfalls vorhanden sein. Da erschreckend viele deutsche Tierärzte über Krankheiten nicht Bescheid wissen, die rund um das Mittelmeer vorkommen, ist es unerlässlich, am Ort testen zu lassen. Leishmaniose, Ehrlichiose (Weidefieber, tick-borne fever), Filariose (durch Fadenwürmer hervorgerufen) sind Krankheiten, an denen importierte Hunde sterben, wenn diese nicht erkannt werden. Diese Krankheiten sind jedoch, anders als Veterinäre immer noch behaupten, keine Seuchen. Besonders von Leishmaniose wird gerne behauptet, sie sei übertragbar auf Mensch und Hund. Immer wieder werden Besitzer von Hunden, bei denen die Krankheit festgestellt wurde, unnötig und verantwortungslos von uninformierten Tierärzten in große Sorge versetzt. Eine Übertragung auf Menschen ist aber noch niemals nachgewiesen worden, bezüglich der Hunde spukt ein unbewiesener Fall durch die Literatur.

    Leishmaniose wird von Insekten übertragen, die rund um das Mittelmeer vorkommen. Sie und nur sie tragen die Parasiten von Hund zu Hund oder Mensch. Deutschland ist diesen Insekten zu kalt, Mallorca aber, das von Millionen deutscher Urlauber besucht wird, ist besonders befallen. Viele von ihnen müssten mit Leishmaniose infiziert aus dem Urlaub kommen.

    Vorsorglich sollte jeder, der einen Hund aus dem Mittelmeerraum besitzt, den Tierarzt über diese Tatsache informieren, auch jeder, der seinen Hund einmal mit in den Urlaub genommen hat. Nicht der Übertragung wegen, sondern zu besseren Diagnosemöglichkeit.

    Auf innere und äußere Parasiten ist besonders zu achten. Logischerweise sind schlecht ernährte Streuner von allen Arten dieser ungebetenen Gäste befallen. In den meisten Fällen bedrohen sie das Leben der Tiere nicht, übertragen sich aber sehr schnell, sind höchst lästig, hartnäckig und mitunter langwierig zu bekämpfen. Wer also eine Hund oder eine Katze im Urlaub auf der Straße findet, sollte sich die Mühe machen, einen Tierarzt aufzusuchen, am besten ein Tierheim unter deutscher Leitung, und das Tier nicht ohne Impfung und Beratung nach Deutschland mitnehmen.

    Wenn Zöllner Tiere ohne gültigen Impfausweis entdecken, gibt es staatlich garantierten Ärger für die Begleiter: Entweder wird das Tier auf deren Kosten unverzüglich zurückgeschickt und zu Hause ausgesetzt oder es darf bleiben, aber in Quarantäne. Das kann den Tierfreund dann schnell einige tausend Mark kosten. Ein Tourist darf außerdem maximal drei Tiere für sich mit nach Deutschland bringen. Ausnahme ist eine Mutter mit Babys. Für die Kleinen gilt dann der Impfschutz der Mutter. Grundsätzlich ist vorab eine Information über die Pflichten und Rechte bei der Einfuhr von Tieren aus Urlaubsländern sehr hilfreich, um Probleme am Zoll zu vermeiden. Der deutsche Tierschutzbund und das Europäische Tierhilfswerk sind Ansprechpartner.

    Susann Michels und Antje Stockhausen haben ihre Tiere aus dem Tierheim von Arche Noah auf Kreta mitgebracht. Hunde, die sie auf der Straße fanden, haben sie im Tierheim abgegeben. Das ist eine ideale Lösung. Denn im Tierheim weiß man genau über Einfuhrbedingungen Bescheid, alle Tiere sind bereits geimpft, entfloht und entwurmt, ihr Wesen ist bekannt und sie werden vor der Abreise noch einmal untersucht.

    Ein Argument der Gegner von Importen, Importe seien keine Lösung, trifft natürlich zu. In den betroffenen Ländern selbst muss vieles geändert werden. Erziehung zum Respekt vor anderen Lebewesen und zur Verantwortung für Mitgeschöpfe ist eine schwere, aber entscheidende Aufgabe. Kastration der Tiere zur Vermeidung massenhafter Vermehrung wäre die wichtigste Maßnahme. Aber gerade das stößt bei der Bevölkerung und bei Tierärzten auf heftigen Widerstand, nicht zuletzt aus religiösen Gründen. Trotzdem werden von hier aus bereits Kastrationsprogramme organisiert, deutsche Tierärzte operieren kostenlos vor Ort.

    Der Tierschutzverein Tierhilfe Süden hat sich ausschließlich Tierschutz außerhalb Deutschlands zum Programm gemacht. Die deutschen Tierschützer im Ausland benötigen dringend finanzielle Hilfe, die Gleichgesinnte in Deutschland aufzutreiben versuchen. Alles ist aber bisher ein ganz kleiner Anfang.

    Europapolitiker interessieren sich nicht für Tierschutz. Gerade in Ländern, die in die Gemeinschaft aufgenommen werden wollen, könnte man Druck ausüben, es geschieht aber nicht. Anfragen von Tierschützern bleiben ohne Wirkung. Touristen könnten Druck auf die Lokalpolitiker ihres Urlaubsorts oder auf Reiseveranstalter ausüben. Wenn keine Touristen mehr kommen, geht das Umdenken ganz schnell. So lange Tierschutz eine so kleine Lobby hat, so lange das Leid der Tiere in Ländern, die Deutsche millionenfach bereisen, so schrecklich ist und Tierquälerei zum alltäglichen Straßenbild gehört, so lange kann man Tierfreunden nicht verdenken, dass sie Hunde und Katzen retten möchten, indem sie sie nach Deutschland bringen. Denn zurzeit ist das noch die einzige Rettung.

                                                         Susann Michels:
    Für mich steht nur das Tier im Vordergrund. Es ist gleich, ob es in Deutschland oder in Griechenland leidet, hier bekommen Tiere aber eher Hilfe, dort nicht! Tierschutz ohne Grenzen sollte im vereinten Europa eigentlich selbstverständlich sein.

     

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